Dr. Sebastian Krause
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In den sozialen Medien ist Mewing zu einem echten Trend geworden. Auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube berichten Nutzer davon, dass die richtige Zungenhaltung zu einer markanteren Kieferlinie, einem schöneren Gesichtsprofil oder sogar zu geraderen Zähnen führen soll. Zahlreiche Vorher-Nachher-Bilder wecken den Eindruck, dass sich die Gesichtsform allein durch eine veränderte Zungenposition dauerhaft verändern lässt.
Doch wie viel Wahrheit steckt hinter diesen Aussagen? Kann Mewing tatsächlich den Kiefer beeinflussen oder handelt es sich eher um einen Internet-Hype?
Als Praxis für Kieferorthopädie betrachten wir das Thema aus wissenschaftlicher Sicht. Tatsächlich spielt die Zungenlage eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Kiefers – allerdings gibt es deutliche Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen. In diesem Ratgeber erfahren Sie, was Mewing bedeutet, wie die Methode funktioniert und wann eine kieferorthopädische Behandlung notwendig ist.
Der Begriff Mewing geht auf den britischen Kieferorthopäden Dr. John Mew zurück. Gemeinsam mit seinem Sohn Dr. Mike Mew entwickelte er die Theorie, dass die natürliche Position der Zunge einen Einfluss auf das Wachstum von Oberkiefer und Gesicht haben kann. Beim Mewing wird versucht, die Zunge dauerhaft in ihrer natürlichen Ruhelage am Gaumen zu halten. Gleichzeitig bleiben die Lippen geschlossen und die Atmung erfolgt durch die Nase. Grundsätzlich entspricht diese Haltung der physiologischen Zungenruhelage, die Kieferorthopäden und Logopäden seit vielen Jahren kennen. Neu ist vor allem die große Aufmerksamkeit, die das Thema durch soziale Medien erhalten hat.
Die richtige Zungenposition besteht aus mehreren Komponenten:
Entscheidend ist, dass die Zunge nicht aktiv gegen den Gaumen gepresst wird. Vielmehr handelt es sich um eine entspannte Ruhelage, die den natürlichen Muskelkräften entspricht.
Viele Menschen fragen sich, wie Mewing richtig durchgeführt wird.
Die natürliche Zungenruhelage lässt sich in wenigen Schritten überprüfen:
1. Lippen schließen
Die Lippen liegen entspannt aufeinander. Eine bewusste Anspannung ist nicht notwendig.
2. Durch die Nase atmen
Eine freie Nasenatmung ist Voraussetzung für eine gesunde Mundfunktion. Wer dauerhaft durch den Mund atmet, sollte die Ursache ärztlich abklären lassen.
3. Zungenspitze positionieren
Die Spitze der Zunge liegt leicht hinter den oberen Schneidezähnen am Gaumen. Sie darf die Zähne nicht berühren oder dagegen drücken.
4. Gesamte Zunge an den Gaumen legen
Nicht nur die Zungenspitze, sondern möglichst die gesamte Zungenfläche sollte den Gaumen locker berühren.
Diese Haltung sollte nicht als Übung verstanden werden, sondern langfristig die natürliche Ruheposition der Zunge darstellen.
Diese Frage gehört zu den häufigsten Suchanfragen bei Google. Die Antwort lautet: Ja – allerdings nicht so, wie es viele Videos versprechen.
Die Zunge übt täglich über viele Stunden einen sanften Druck auf den Oberkiefer aus. Deshalb spielt sie insbesondere während des Wachstums eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Kiefers. Bei Kindern kann eine gestörte Zungenfunktion langfristig Einfluss auf die Kieferentwicklung nehmen. Deshalb achten Kieferorthopäden bereits früh auf Faktoren wie:
Diese funktionellen Störungen können das Wachstum des Gesichtsschädels beeinflussen. Bei Erwachsenen hingegen ist das Wachstum des Kiefers abgeschlossen. Eine veränderte Zungenhaltung kann zwar die Muskelbalance unterstützen, sie verändert jedoch nach heutigem wissenschaftlichem Kenntnisstand weder die Knochenstruktur noch die Zahnstellung dauerhaft.
Hier ist eine realistische Einordnung wichtig.
Bei Kindern und Jugendlichen
Während der Wachstumsphase reagieren Knochen auf funktionelle Reize. Deshalb kann eine normale Zungenfunktion die gesunde Entwicklung des Oberkiefers unterstützen. Genau aus diesem Grund spielt die funktionelle Diagnostik in der modernen Kieferorthopädie eine wichtige Rolle.
Bei Erwachsenen
Nach Abschluss des Wachstums lassen sich Kieferknochen durch Mewing allein nicht dauerhaft verbreitern oder nach vorne verlagern. Auch ausgeprägte Zahnfehlstellungen können dadurch nicht korrigiert werden. Wer sich eine deutlich sichtbarere Kieferlinie oder gerade Zähne wünscht, benötigt je nach Befund eine individuell geplante kieferorthopädische Behandlung.
In unserer Praxis erleben wir immer wieder Patienten, die hoffen, Zahnfehlstellungen durch Mewing beheben zu können. Diese Erwartung ist verständlich, entspricht jedoch nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Folgende Fehlstellungen können durch Mewing nicht korrigiert werden:
Diese Veränderungen entstehen durch das Zusammenspiel von genetischen Faktoren, Wachstum und Funktion. Je nach Diagnose kommen moderne Zahnspangen, transparente Aligner oder andere kieferorthopädische Behandlungsmethoden zum Einsatz.
Ein weiterer Trend ist das Kauen besonders harter Kaugummis in Kombination mit Mewing. Das Ziel besteht darin, die Kaumuskulatur zu trainieren und dadurch eine markantere Kieferlinie zu erreichen. Tatsächlich kann regelmäßiges Kauen die Kaumuskulatur kräftigen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich dadurch der Kieferknochen verändert oder Zahnfehlstellungen verschwinden. Wird übermäßig lange oder mit sehr hartem Kaugummi gekaut, können sogar Beschwerden im Kiefergelenk oder Verspannungen der Kaumuskulatur entstehen. Aus kieferorthopädischer Sicht sollte das Kauen daher in einem normalen Maß erfolgen.
Die wissenschaftliche Datenlage ist eindeutig: Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die zeigen, dass die Zungenfunktion, die Nasenatmung und das Schluckmuster die Entwicklung des Gesichtsschädels beeinflussen können – insbesondere während des Wachstums. Für die häufig in sozialen Medien gezeigten Versprechen, dass Erwachsene ihre Gesichtsform allein durch Mewing dauerhaft verändern können, existieren jedoch bislang keine belastbaren wissenschaftlichen Belege. Viele vermeintliche Vorher-Nachher-Ergebnisse lassen sich vielmehr durch eine veränderte Kopfhaltung, Gewichtsverlust, unterschiedliche Lichtverhältnisse oder eine bewusste Anspannung der Gesichtsmuskulatur erklären.
Auch wenn Mewing keine Wunder bewirken kann, ist die Funktion der Zunge für Kieferorthopäden ein zentrales Thema.
Eine dauerhaft falsche Zungenlage kann unter anderem zu folgenden Problemen beitragen:
Deshalb betrachten wir in unserer Praxis nicht nur die Zahnstellung, sondern das gesamte Zusammenspiel von Zunge, Lippen, Atmung und Muskulatur. In einigen Fällen arbeiten wir eng mit Logopäden oder HNO-Ärzten zusammen, um die Ursachen funktioneller Störungen ganzheitlich zu behandeln.
Wenn Sie oder Ihr Kind dauerhaft durch den Mund atmen, Schwierigkeiten mit der Nasenatmung haben oder eine Zahn- beziehungsweise Kieferfehlstellung vermuten, empfiehlt sich eine kieferorthopädische Untersuchung. Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht es häufig, Fehlentwicklungen bereits während des Wachstums gezielt zu behandeln. Bei Erwachsenen stehen moderne und nahezu unsichtbare Behandlungsmöglichkeiten wie transparente Aligner oder ästhetische Zahnspangen zur Verfügung.
Mewing kann eine gesunde Mundfunktion unterstützen – ersetzt jedoch keine professionelle Diagnose.
Mewing ist kein Wundermittel, aber auch kein Mythos. Die richtige Zungenruhelage und eine gesunde Nasenatmung sind wichtige Bestandteile einer normalen Entwicklung von Kiefer und Gesicht – insbesondere im Kindesalter. Deshalb spielen funktionelle Aspekte in der Kieferorthopädie seit vielen Jahren eine bedeutende Rolle.
Wer jedoch hofft, durch Mewing allein Zahnfehlstellungen zu korrigieren oder die Gesichtsform als Erwachsener dauerhaft zu verändern, sollte realistische Erwartungen haben. Nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand kann Mewing eine professionelle kieferorthopädische Behandlung nicht ersetzen.
Unser Tipp: Wenn Sie Fragen zur Entwicklung des Kiefers, zur Zungenfunktion oder zu einer möglichen Zahn- oder Kieferfehlstellung haben, lassen Sie sich frühzeitig untersuchen. In unserer Praxis für Kieferorthopädie beraten wir Kinder, Jugendliche und Erwachsene individuell und erstellen einen auf Ihre Bedürfnisse abgestimmten Behandlungsplan.
Mewing beschreibt das bewusste Einnehmen der natürlichen Zungenruhelage am Gaumen bei geschlossenen Lippen und Nasenatmung.
Während des Wachstums kann die Zungenfunktion die Entwicklung des Kiefers beeinflussen. Bei Erwachsenen gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Mewing den Kiefer dauerhaft verändert.
Nein. Zahnfehlstellungen wie Überbiss, Kreuzbiss oder Engstand lassen sich durch Mewing allein nicht korrigieren.
Ein Doppelkinn wird hauptsächlich durch Fettgewebe, Hautelastizität und genetische Faktoren beeinflusst. Mewing ist hierfür keine nachgewiesen wirksame Behandlung.
Die natürliche Zungenruhelage ist unbedenklich. Problematisch wird es, wenn dauerhaft starker Druck auf die Zähne oder das Kiefergelenk ausgeübt wird oder notwendige kieferorthopädische Behandlungen aufgeschoben werden.